Normalarbeitszeit. Ein in sich bereits schwieriger Begriff. Abgesehen von der (wie üblich) unpassenden und irreführenden Verwendung der Zuschreibeung ‚Normal‘, existieren zahlreiche Ausnahmen, Sonderregelungen und Schikanen die es erschweren einen allgemein gültigen Wert dingfest zu machen. Per Gesetz orientieren sich Arbeitgeber*innen und Arbeitnehmer*innen in einigen Ländern heute an einem 8-Stunden Tag. Doch wie kam es dazu? Daran wollen wir im Folgenden erinnern.
Der Streik beginnt
Alles begann Ende Januar 1919 in einem Energieunternehmen in Barcelona namens ‚Riegos y Fuerza del Ebro‘, einer Tochtergesellschaft eines Konzerns mit der ‚Canadian Bank of Commerce of Toronto‘ als Hauptaktionär. Acht Angestellten der Buchhaltung wurde ein neuer Arbeitsvertrag vorgelegt durch den sie von einem unbefristeten in ein befristetes Anstellungsverhältnis bei gleichzeitiger Reduktion des Lohnes wechseln würden. Alle acht lehnten dieses ‚Angebot‘ ab und wurden daraufhin entlassen.
Am 5. Februar traten die verbliebenen Angestellten der Buchhaltungsabteilung in einen Solidaritätsstreik. Sie forderten die Wiedereinstellung ihrer Kollegen und Koleginnen und wandten sich an den Gouverneur mit der Bitte um Vermittlung. Dieser versprach zu intervenieren, wenn die Arbeiter*innen zur Arbeit zurückkehrten. Als sie jedoch am nächsten Tag am Arbeitsplatz erschienen, wurde ihnen der Zugang zu den Unternehmensräumlichkeiten verwehrt mit der Begründung dass nun die gesamte Belegschaft der Buchhaltung entlassen sei. Durchgesetzt wurde dieses Betretungsverbot von der Polizei die direkt dem Zivilgouverneur unterstellt war. (Hier tritt der Staat also als Vollstrecker kapitalistischer Interessen auf, nachdem er seinen Bürgern eine Interessensvertretung zugesichert hat. Darüber hinaus offenbart die formale Legitimität dieser Vorgehensweise eine Klassennatur des Rechts entlang derer sich Institutionen wie die Polizei konstituieren.)
Die entlassenen Angestellten wandten sich an die CNT, einer anarcho-syndikalistischen Gewerkschaft, die sich in den Konflikt einschaltete. Ein Streikkomitee wurde gebildet. Bereits 3 Tage später weitete sich der Streik aus. Fast die gesamte Belegschaft von ‚La Canadiensa‘ (‚Die Kanadische‘ wie der Mutterkonzern des ortsansässigen Energieunternehmens umgangssprachlich genannt wurde.) legte die Arbeit nieder. Die Stromableser und Kassierer verweigerten den Dienst. Arbeiter*innen der ‚Energía Eléctrica de Cataluña‘ schlossen sich aus Solidarität an. Die Forderungen waren klar. Wiedereinstellung aller Entlassenen, Lohnerhöhungen, Entlassung der Streikbrecher und keine Repressalien.
Am 17. Februar schloß sich auch der Textilsektor dem Streik an. 80 Prozent der Textilarbeiter*innen Barcelonas legten die Arbeit nieder, nicht nur aus Solidarität mit den Kollegen bei La Canadiensa, sondern mit eigenen Forderungen. Achtstundentag, Halbtagsarbeit am Samstag, Abschaffung der Akkordarbeit, volle Lohnzahlung im Krankheitsfall, Arbeitsverbot für unter 14-Jährige und volle Wochenlohnzahlung sobald die Arbeitswoche begonnen hatte. Was als Arbeitskampf in einem einzigen Unternehmen begonnen hatte, entwickelte sich zu einer stadtweiten Bewegung.
Am 21. Februar rief die CNT den Generalstreik im gesamten Energiesektor aus. Alle Tochterunternehmen von La Canadiensa, die ‚Catalana de Gas‘, die ‚Ferrocarril de Sarrià aBarcelona‘ und die ‚Societat General d’Aigües‘ wurden bestreikt. Barcelona versank im Dunkeln. Die Straßenbahnen standen still.
Die Eskalation
In den folgenden Tagen Ende Februar 1919 weiteten sich die Streikmaßnahmen aus. Betriebsanlagen wurden besetzt, Streikende übernahmen zunehmend die Kontrolle über die Produktionsmittel in der Versorgung mit Gas, Wasser und Elektrizität. Die Regierung setzte durch die Verfassung garantierte Rechte wie dem Versammlungsrecht, Unverletzlichkeit der Wohnung, Bewegungsfreiheit, Redefreiheit und Vereinigungsrecht aus. (Der Staat begreift sich hier als legitimen Garant ‚der öffentlichen Ordnung‘ und legitimiert sein Vorgehen mit der Verpflichtung diese aufrecht zu erhalten. Eine Ordnung in der Kapitalinteressen einzelner nicht nur Streik- und Arbeitsrechte aller definieren und begrenzen, sondern grundlegende Bürgerrechte aushebeln.)
Diese Vorgehensweise soll nicht als reine Machtdemonstration verstanden werden, zu diesem Zeitpunkt ging es bereits um die letzten noch verbliebenen Möglichkeiten Einfluß auf die lokale und regionale Grundversorgung zu nehmen. Konkret sollte dadurch wohl verhindert werden dass die gesamte Wasserversorgung inklusive eines Staudamms im Westen Kataloniens unter die Kontrolle der Streikbewegung fallen würde.
Während Regierung und Unternehmen versuchten die Streikbewegung physisch im öffentlichen und privaten Raum einzuschränken, machten sich Arbeiter*innen der Druckereien daran ihre Kontrolle über das was wir heute als Informationsdomäne bezeichnen würden auszuspielen. Regierungsbeschlüsse und gegen die Interessen der Streikenden gerichtete Pressemeldungen wurden entweder gar nicht gedruckt, oder absichtlich mit Fehlern versehen. Ausgaben von Zeitungen erschienen lückenhaft oder überhaupt nicht.
Am 7. März griffen die Eisenbahner*innen in den Streik ein. Bis Mitte März wuchs die Streikbewegung auf über 100.000 Menschen an. Ein Großteil der katalanischen Industrie kam zum Erliegen. Die Straßen Barcelonas waren dunkel, in den Fabriken wurde nicht gearbeitet, die Züge standen still.
Da keine Form der bisher angewandten Repression und Verfolgung eine nachhaltige Wirkung zeigte um dem Streik Einhalt zu gebieten, musste nun ein neuer Ansatz her. Eine militärische Lösung. Bekanntlich zeichnen sich Heere und militärische Formationen auch als nie endenwollender Quell ausgewogener Konfliktlösungsstrategien aus. Insbesondere dann wenn ‚der Gegner‘ aus Zivilisten besteht. Also wurde erstmal das Kriegsrecht ausgerufen. Es wurde eine Einberufungsbefehl erlassen. Alle streikenden Arbeiter sollten eingezogen werden um sie so dem Streik zu entziehen unter einer Strafdrohung von 4 Jahren bei nicht Befolgung. Nur wenige folgten diesem Befehl, Tausende wurden im Castell de Montjuïc und den Kriegsschiffen die im Hafen vor Anker lagen inhaftiert.
Doch trotz der zunehmenden Gewalt, der Verhaftungen, der Drohungen und des zunehmenden Hungers in der Stadt hielt der Streik. Die Solidarität bröckelte nicht. Die UGT drohte damit, den Streik auf ganz Spanien auszuweiten, falls keine Lösung gefunden würde.
Der Sieg …
An diesem Punkt setzen Personalrochaden in Regierungs- und Verwaltungsposten ein. Sogenannte hardliner werden durch scheinbar liberalere Politiker ersetzt. Retrospektiv handelte es sich dabei aber eher um ‚window dressing‘ wie sich später zeigen wird. Trotzdem. Mit den neuen Vertretern konnte ein Vorschlag zur Beilegung des Streiks erarbeitet werden.
- Der 8-Stunden-Tag: Spanien wurde das erste Land, das landesweit die Achtstundenschicht einführte
- Lohnerhöhungen: Durchschnittlich 20-30% mehr Lohn für die Arbeiter*innen der Energiebranche
- Wiedereinstellung: Alle entlassenen Streikenden mussten wieder eingestellt werden
- Anerkennung der Gewerkschaften: De facto Anerkennung der CNT als Verhandlungspartner
- Freilassung: Etwa 3.000 inhaftierte Arbeiter*innen sollten freigelassen werden
Am 19. März kam es zu der entscheidenden Abstimmung unter den Streikenden um dieser Einigung zuzustimmen und damit dem Streik ein Ende zu setzen. 20-25.000 Arbeiter*innen nahmen an dieser Versammlung Teil. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich noch einige Arbeiter*innen in Gefangenschaft. Das vorliegende Angebot wurde letztendlich mehrheitlich von der Versammlung angenommen unter der Bedingung dass alle Inhaftierten innerhalb von 3 Tagen frei zu lassen seien.
… oder doch nicht?
5 Tage später, am 24. März, weigerte sich die Regierung immer noch wie vereinbart alle Inhaftierten frei zu lassen weshalb der Generalstreik erneut ausgerufen wurde. Dieses Mal gelang es dem Militär allerdings die Kontrolle über die Straßen zu behaupten. Nationalistische Paramilitärs, das ‚Sometent‘, zogen bewaffnet von der Armee durch die Stadt, übernahmenen die lokale Versorgung und verhafteten Arbeiter*innen. 10-tausende Arbeiter*innen waren bereits wieder an ihren Arbeitsplatz zurück gekehrt. Die Basis die den Streik bisher so erfolgreich machte war verloren gegangen und konnte nicht wieder erlangt werden.
Die Bourgeoisie, Kapitalisten, die sich weiter militarisiert und dem Heer angenähert hatten errungen dadurch zunehmend politischen Einfluß. Einfluß der sich später auch in der Unterstützung des Coup von Primo de Rivera 1923 und jenem von 1936 bemerkbar machen sollte. In den Jahren des Pistolerismo zwischen 1919 und 1923 heuerten Unternehmer*innen bewaffnete an um Gewerkschafter*innen einzuschüchtern, aus den Betrieben zu drängen oder zu attackieren. Der backlash war also militarisiert, brutal, nationalistisch und andauernd.
Die gesetzliche Regelung zum 8-Stundentag blieb allerdings bestehen und zählt neben Dingen wie bezahltem Urlaub, Krankenversicherungen, Renten- und Arbeitslosenversicherungen zu den zahlreichen Verbesserungen die die CNT in ihrem klassenbewusstem Arbeitskampf erzwingen konnte. Zeit sich zu erinnern welcher große Aufwand für Veränderung wie diese nötig war und weiterhin ist, und dass dieser Weg weiter zu gehen ist.
Quellen
- https://www.cntait.org/que-es-la-cnt-ait/
- https://www.cntait.org/la-huelga-de-la-canadiense-y-la-jornada-de-8-horas/
- https://en.wikipedia.org/wiki/La_Canadenca_strike
- https://en.wikipedia.org/wiki/Barcelona_Traction
- https://en.wikipedia.org/wiki/Pistolerismo
- https://libcom.org/article/la-canadiense-and-barcelona-general-strike-1919-sam-lowry
- https://www.barcelona.cat/metropolis/en/contents/the-eight-hour-day-triumph-the-workers-struggle
- https://www.elnacional.cat/en/culture/canadenca-strike-exhibition-catalan-labour_454131_102.html
- https://www.llibertat.cat/2014/10/simo-piera-el-principal-lider-de-la-vaga-de-la-canadenca-28161
- https://oreneta.com/libro-verde/1919/02/05/6124/
- https://www.cedall.org/Documentacio/Castella/cedall203210800_Simo%20Piera.htm
- https://revistacatalunya.cat/la-vaga-de-la-canadenca/
- https://catalunyaplural.cat/es/el-derecho-de-huelga-cumple-110-anos-entre-la-debilidad-inicial-y-los-recortes-aplicados-en-democracia/
- https://en.wikipedia.org/wiki/Jaime_Milans_del_Bosch
